Eine gute Zeit für die Lehre

In Tirol gibt es trotz der Corona-Krise mehr Lehrstellen als Lehrstellensuchende. Eine gute Nachricht, für junge Menschen, die jetzt eine Karriere mit Lehre starten wollen. top.tirol hat Tirols Lehrlingskoordinator David Narr gefragt, wie es seiner Meinung nach mit der Lehre in Zeiten der Covid-19 Pandemie weitergehen wird.

Viele Jugendliche haben derzeit Angst, durch die Covid-19 Pandemie in ihrer Lehrstellensuche und Ausbildung benachteiligt zu werden. Können Sie diese Ängste entkräften?

David Narr: Ich kann sie verstehen, vor allem, wenn man die derzeitige mediale Berichterstattung betrachtet. Die ist aber nicht ganz richtig. Ausgehend von der Wirtschaftskammer Tirol haben wir im August eine Blitzumfrage bei Tiroler Unternehmen gemacht und gesehen, dass über 2000 offene Lehrstellen angeboten werden. Diesen 2000 offenen Lehrstellen stehen etwa 800 Lehrstellensuchende gegenüber. Dazu kommt, dass wir in Tirol einen sehr starken Branchenmix haben. Die Zeit ist, obwohl sie wirtschaftlich schwierig ist, immer noch eine gute für die Lehre.

Wird also jeder Jugendliche die Lehrstelle finden, die er sich wünscht?

Das kann keiner versprechen. Ich denke aber schon, dass bei 2000 offenen Lehrstellen die Chancen für die Bewerber nicht so schlecht stehen können. Wie ich schon gesagt habe, der Branchenmix ist gegeben. Da kann durchaus für jeden Interessierten etwas dabei sein. Ob der Ausbildungsplatz gleich um die Ecke sein wird oder es auf Anhieb der Wunschbetrieb wird, ist naturgemäß nie zu garantieren.

In welchen Branchen gibt es derzeit die meisten Chancen auf eine Lehrstelle bzw. das größte Karrierepotential für die Zukunft?

Die Chancen stehen überall gleich gut. Wichtig ist das Interesse an dem gewählten Beruf. Das ist die Grundvoraussetzung, dann ist alles möglich. Die Karrierewege sind vielfältig und unzählige Beispiele an „Karrieren“ zeigen uns, dass eine betriebliche Fachausbildung alles andere, als eine Sackgasse ist.

Warum gibt es in Tirol mehr offene Lehrstellen als in anderen österreichischen Bundesländern?

Das hat glaube ich ebenfalls mit dem Branchenmix in Tirol zu tun. Die Wirtschaft ist in Tirol sehr breit aufgestellt. Wir haben in jeder Branche starke Leitbetriebe und eine enorme Dichte von ausgezeichneten Lehrbetrieben. Wir liegen geographisch sehr gut. In Tirol hat die Lehre eine lange Tradition und einen anderen Stellenwert, als in anderen Bundesländern.

Warum ist es wichtig, dass Unternehmen auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten weiterhin Lehrlinge ausbilden?

Wenn man heute einen Lehrling aufnimmt, denkt man im Sinne der Fachkräftesicherung Jahre voraus. Jetzt gehen wir aufgrund der Corona-Krise durch wirtschaftlich schwere Zeiten. Die Wirtschaft wird sich wieder erholen. Und genau dann benötigen wir unsere vielzitierten Fachkräfte, um diesen Aufschwung auch tatsächlich umsetzen zu können.

Was würden Sie jungen Menschen raten, die gerade auch der Suche nach einer Lehrstelle sind sind ?

Sie sollen sich bewusstmachen, wo ihre Interessen liegen, was ihre Stärken sind. Auch ist es durchaus sinnvoll, sich für Branchen zu interessieren, die eine entsprechende Auswahl an Ausbildungsplätzen bieten können.

Und wenn Jugendliche mehrere Absagen hintereinander bekommen und keine Lehrstelle finden?

Man muss auch einmal mit dem Thema Absagen offen umgehen. Wenn ein junger Mensch in den Jahren seiner Pflichtschulzeit gar nicht motiviert war und sich für nichts interessiert hat, kann er nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass Lehrbetriebe mit ihm ein Lehrverhältnis eingehen. Dazu benötigt es Grundkompetenzen, Schlüsselqualifikationen und vor allem Interesse seitens des Jugendlichen. Eine Ausbildung zur Fachkraft ist anspruchsvoll. Auch dafür ist nicht jeder und jede Person geeignet.

Zur Person:

David Narr hat selbst die Lehre als Installateur abgeschlossen und arbeitet heute als Prokurist bei Holly Kaffeesysteme GmbH. Vor seiner Ernennung zum Tiroler Lehrlingskoordinator, war er für die Neuaufstellung und Veranstaltung des Tiroler Lehrlingswettbewerbs „TyrolSkills“ verantwortlich.

David Narr, Lehrlingskoordinator der Wirtschaftskammer Tirol @die Fotografen
Beitrag teilen: