Ein Blickwinkel auf die Krise von Simon Czermak

Die aktuellen Ereignisse suchen ihresgleichen – sowohl global als auch in Tirol. Die Covid-19-Pandemie hat die Wirtschafts- und Arbeitswelt auf den Kopf gestellt – und wird sie so schnell wohl auch nicht mehr loslassen.

Alleine für Tirol bedeutet die Pandemie derzeit Kurzarbeit für 97.942 Menschen und 41.000 Arbeitslose* – in einem sprunghaften Anstieg, der seit den Weltkriegen seinesgleichen sucht. Darüber, was all das für die Tiroler Wirtschaft heißt, was auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber zukommt, und was wir tun können, um die Krise zu übertauchen, haben wir mit Simon Czermak gesprochen.

Wie wird sich die globale Wirtschaft entwickeln?

SIMON CZERMAK: Dass der Schlag, den der Corona-Virus der Weltwirtschaft versetzt hat, schwer war, steht außer Frage. Wie es weitergehen wird, darüber streiten Experten. Aktuell scheint alles möglich: sprunghafte, schneller Erholung, verzögerter Aufschwung, der Zeit in Anspruch nimmt, und die ungünstigste Annahme: anhaltende Stagnation. Diesem Szenario versuchen Regierungen und Zentralbanken gerade entgegenzusteuern. Ob das gelingt, ist schwer zu sagen. Die wirtschaftlichen Folgen der Krise werden uns jedoch noch länger beschäftigen.

Was bedeutet das für Tirol?

Als relativ kleiner Wirtschaftsraum sind wir von globalen Märkten abhängig. Deswegen ist es insbesondere für Tirol sehr wichtig, dass Einschränkungen im internationalen Waren- und Dienstleistungsverkehr auf vertretbare, aber minimale Ausmaße reduziert werden. Grenzöffnungen sind beispielsweise eine Grundvoraussetzung, um in der kommenden Saison die nötige Auslastung im Tourismus zu erreichen. Gleichzeitig hat die Krise gezeigt, wie wichtig regionale Bezugsmöglichkeiten für systemrelevante Güter sein können. Das könnte manchen Unternehmen langfristige Möglichkeiten verschaffen.

Wie wird die Krise die Beziehung zwischen Arbeitnehmern und -gebern verändern?

Die Krisensituation kann hier positiv wirken: Arbeitnehmer wissen sichere Anstellung und verlässliche Arbeitgeber noch mehr zu schätzen. Das schürt Engagement und Motivation. Zugleich steigt bei Unternehmern das Bewusstsein um den Wert loyaler Mitarbeiter als Ressource – besonders in Betrieben mit wenig Distanz zwischen Arbeitnehmern und -gebern. Gleichzeitig ändert sich auch die Art der Zusammenarbeit. Hier kann ich mir viele Notlösungen vorstellen, die sich schlussendlich als bessere Alternativen beweisen, die langfristig Bestand haben werden.

Was können wir aus der aktuellen Situation lernen?

Vorrangig hat uns die Krise vor Augen geführt, wie wichtig Reserven sind, die den Handlungsspielraum in Ernstfall erweitern. Insofern sollten wir – aus wirtschaftlicher wie gesellschaftlicher Sicht – über Rahmenbedingungen nachdenken, die den Aufbau solcher Ressourcen forcieren. Jede Krise richtet den Blick auch nach innen. Darin liegen große Chancen, wie zum Beispiel beschleunigte Etablierung moderner Formen der Arbeit. Hier können wir viel über uns, unser Zusammenleben und unser Zusammenarbeiten lernen.

Zur Person:

Simon Czermak ist Hochschullektor und post-doc Forscher am MCI Management Center Innsbruck am Department Management und Recht.

*Stand 18.05. 2020

Quelle: top-arbeitgeber, Mai 2020, Foto: Axel Springer

Simon Czermak, Ökonom am MCI
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