Ein Blickwinkel auf die Krise von Anton Kern

Die aktuellen Ereignisse suchen ihresgleichen – sowohl global als auch in Tirol. Die Covid-19-Pandemie hat die Wirtschafts- und Arbeitswelt auf den Kopf gestellt – und wird sie so schnell wohl auch nicht mehr loslassen.

Alleine für Tirol bedeutet die Pandemie derzeit Kurzarbeit für 97.942 Menschen und 41.000 Arbeitslose* – in einem sprunghaften Anstieg, der seit den Weltkriegen seinesgleichen sucht. Darüber, was all das für die Tiroler Wirtschaft heißt, was auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber zukommt, und was wir tun können, um die Krise zu übertauchen, haben wir mit Anton Kern gesprochen.

Wie wird sich der Tiroler Arbeitsmarkt in den kommenden fünf Jahren verändern beziehungsweise entwickeln?

ANTON KERN: Die Arbeitslosenzahlen in Tirol sind seit dem 15. März 2020 rasant in die Höhe geschnellt und obwohl die Arbeitslosigkeit nun wieder leicht zurückgeht, gehen wir davon aus, dass es Wirtschaftsbereiche geben wird, die sich nicht so schnell wieder erholen. Zusätzlich müssen wir mit saisonbedingter Zunahme der Arbeitslosigkeit rechnen. Ein weiterer Höhepunkt ist für Jänner 2021 zu erwarten – einem traditionell schwachen Arbeitsmarkt-Monat. In Tirol gleicht der Wintertourismus das normalerweise aus, heuer wird das jedoch anders aussehen. Wir rechnen damit, dass uns die Auswirkungen der Corona-Krise noch die nächsten fünf Jahre begleiten werden.

Was bedeutet das für die Arbeitnehmer?

Knapp 97.000 Menschen in Tirol sind aktuell von Kurzarbeit betroffen. Rund 43.000 Personen sind arbeitslos gemeldet. Diese Arbeitnehmer können derzeit von versorgungskritischen Stellen profitieren oder dort Fuß fassen, wo die Wirtschaft weiterhin Bedarf hat, wie etwa im Gesundheits- und Pflegebereich. Dennoch werden einige länger arbeitslos bleiben, weil Betriebe nach einer Krise nicht sofort Personal einstellen können. Diese können sich neu orientieren oder eine Höherqualifizierung in Anspruch nehmen. 43 Prozent aller beim AMS Tirol im April vorgemerkten Personen haben eine Wiedereinstellzusage – allerdings abhängig von den Möglichkeiten im Tourismus.

Arbeitgeber müssen deswegen …?

Wichtig ist, dass betroffene Unternehmen die Kurzarbeit nutzen und jene, die es weniger trifft, nicht auf Recruiting verzichten. Hier sollte vor allem an Lehrstellensuchende gedacht werden, denn Fachkräfte sind essenziell.

Was ist nötig, um die Arbeitslosensituation zu stabilisieren?

Wir brauchen zusätzliche Mittel für arbeitsmarktpolitische Maßnahmen, vor allem für Ausbildungsplätze und Gruppen, die schon vor der Krise Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt hatten. Wir müssen den Fokus verstärkt darauf legen, Menschen für Ausbildungsangebote zu interessieren, wie im Gesundheits– und Pflegebereich, und benötigen neue Ausbildungsangebote dort, wo sich nun Chancen ergeben. Auf Unternehmensseite wird es ebenfalls weitere Unterstützung brauchen, damit sich der Arbeitsmarkt stabilisiert. Hier wird sowohl über eine Verlängerung der Kurzarbeit als auch über Maßnahmen wie Kombilohn nachgedacht.

Quelle: top-arbeitgeber Mai 2020, Fotonachweis: Die Fotografen

Anton Kern, Landesgeschäftsführer AMS Tirol
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