Gekommen, um zu bleiben?

Videokonferenzen wurden allerspätestens mit Beginn der Coronakrise zu einem fixen Bestandteil unserer Arbeitswelt. Doch wird das auch so bleiben, wenn Covid-19 uns nicht mehr im Würgegriff hat?

Seit März geistert da ein Begriff durch Österreich und Tirol, der ganz gute Chancen auf die Auszeichnung zum Wort des Jahres hat: Homeoffice. Untrennbar damit verbunden sind auch Videokonferenzen, die zumindest vorläufig nicht aus unserem Alltag wegzudenken sind. top.tirol hat die Einschätzungen von Unternehmern, einer Expertin von Magenta und eines Universitätsprofessors eingeholt.

Mitarbeiter im Gespräch

Der Tiroler Mario Mair ist Geschäftsführer von Techem Wassertechnik und dort wird Videoconferencing aktuell etwa für Mitarbeitergespräche genutzt. Vereinzelt gab es das auch schon vor Corona, doch jetzt sei die Nutzung von Videophonie intensiviert worden, so der Geschäftsmann. Nachdem sich jeder Mitarbeiter „eingelebt“ hatte, hätten sich auch schon die großen Vorteile gezeigt, die  Videokonferenzen mit sich bringen,  führt Mair weiter aus: „Durch die Möglichkeit der direkten Übertragung von Informationen sowie Aufgaben und durch wöchentliche Soll-Ist-Videokonferenzen ließ sich die Effizienz im Betrieb deutlich steigern, was sich anhand der Absatzzahlen zeigte.“ Gesunde Mischung Dennoch ist für Mario Mair der persönliche Kontakt wichtig und so wird man bei Techem zwar weiter auf Videokonferenzen setzen, aber so bald wie möglich auch den persönlichen Kontakt wieder forcieren. Nachteile gibt es im Fall von Videokonferenzen nämlich auch, wie Mair festhält: „Zwischenmenschliches bleibt auf der Strecke, meiner Meinung nach ist ein persönlicher Kontakt auch wertschätzender.“

Führungskräfte im Gespräch

Auch bei der Tiroler Versicherung setzt man mittlerweile voll auf Videokonferenzen. Vorstandsdirektor Franz Mair hält fest, dass man schon vorher gelegentlich auf diese Art der Kommunikation zurückgegriffen habe, allerdings nur für externe Meetings. Jetzt findet die neue Technologie auch im Bezug auf interne Kommunikation Anwendung. Onlinemeetings seien effizienter und qualitativ besser: „Unser Führungskräftemeeting fand vorher im Dreimonatsrhythmus statt und dauerte mehrere Stunden. Wir haben jetzt wöchentliche Besprechungen eingeführt, die dafür maximal eine Stunde dauern“, so Mair. Videokonferenzen in Zukunft fixer Bestandteil Auch wenn der Versicherungsexperte glaubt, dass nicht alles, was bisher persönlich stattgefunden hat, online auch umsetzbar ist, bekommt die Videophonie von ihm eine gute Endnote: „Videokonferenzen laufen disziplinierter ab, es gibt kaum Wechselreden, nicht einmal bei großen Runden. Besprechungen via Video werden definitiv fixer Bestandteil des Arbeitsalltags bleiben“, ist sich der Tiroler im doppelten Sinne sicher.

Online zum Geschäftsführer

Gert Ettlmayr ist seit 1. Oktober Geschäftsführer von Hansaton Österreich und hat deshalb im Rahmen seiner Bestellung hautnah miterlebt, was es bedeutet, ein Bewerbungsverfahren online abzuwickeln. Der Tiroler stellte lobend fest: „Alle Gespräche konnten zeitnah erfolgen, obwohl viele Beteiligte gar nicht in Österreich oder in Europa waren.“ Ohne die Möglichkeit der Videokonferenzen wäre seine Bestellung mit sehr viel mehr Zeitaufwand und Reisetätigkeit verbunden gewesen. Vor allem, dass letzteres eingespart werden konnte, stimmt Ettlmayr sehr positiv. Als großes Unternehmen mit fast 400 Mitarbeitern sieht er Hansaton nämlich in der Verantwortung, einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. „Kaffee am Gang nicht zu ersetzen“ Auch abseits von seiner eigenen Bestellung werden bei Hansaton Videokonferenzen zur (internen) Kommunikation genutzt, Telefone würden immer öfter ungenutzt bleiben, so Ettlmayr, der aber auch auf die Bedeutung von direktem Kontakt verweist: Man habe festgestellt, dass digitale Kommunikation etwa bei kreativen Meetings auf ihre Grenzen stoßt. „Auch informelle Kommunikationskanäle, wie etwa der bekannte ‚Kaffee am Gang‘, sind durch nichts zu ersetzen und müssen langfristig wieder in unser normales Arbeitsleben Einzug finden“, so der Unternehmer.

Kleinere Betriebe und die digitale Welt

Für die großen Unternehmen scheint die Umstellung auf Homeoffice also kein großes Problem gewesen zu sein. Wenn es um Digitalisierung geht, fallen aber gelegentlich die Klein- und Mittelbetriebe durch – oder etwa nicht? Die Geschäftsführer von Factor Innsbruck, einer Markenagentur mit rund 40 Mitarbeitern, können das jedenfalls nicht bestätigen: „Ganz im Gegenteil – wir Klein- und Mittelunternehmen sind viel schneller und flexibler als die ‚Großen‘. Bis so ein Tanker einmal gedreht hat, sind wir in unseren Schnellbooten schon auf neuem Kurs“,  meinen Mario Eckmaier,  Axel Prey und Matthias Lechner. Totale Umstellung Sowohl in der internen Kommunikation als auch für Kundengespräche wurde bei Factor Innsbruck auf Videokonferenzen umgestellt. Zuerst habe man sich zwar daran gewöhnen müssen, weniger direkten und mehr virtuellen Kontakt untereinander zu haben, es sei aber erstaunlich gewesen, wie schnell das von den Mitarbeitern und den Kunden angenommen wurde, so die Geschäftsführer. Die Resonanz aller Beteiligten sei durchwegs positiv gewesen und die Onlineabsprachen würden sich durch besondere Effizienz auszeichnen, so die drei Partner. Neue Normalität Den Blick in die Zukunft gerichtet, meint das Trio einhellig: „Homeoffice und Videokonferenzen werden den Arbeitsalltag nachhaltig verändern, werden zum so oft zitierten ‚neuen Normal‘ werden.“ Dass der persönliche Kontakt aber nicht auf der Strecke bleiben darf, darin scheinen sich auch Eckmaier, Frey und Lechner einig zu sein.

Videokonferenzen und der Datenverbrauch

Nun geht mit der vermehrten Durchführung von Onlinemeetings freilich ein erhöhter Datenverbrauch einher. Maria Zesch, ihres Zeichens CCO für Business & Digitalization bei Magenta Telekom, beschreibt aber: „Unsere Netze sind während der Coronakrise äußerst stabil gelaufen, Kapazitätsgrenzen wurden nicht erreicht.“ Trotzdem habe man für den Fall der Fälle während des Lockdowns stetig  Kapazitätserweiterungen vorgenommen. Um sicherzustellen, dass es auch weiterhin nicht zu Zusammenbrüchen kommt, sei vor allem in ländlichen Regionen der Ausbau der Infrastruktur entscheidend. Man arbeite gerade in Tirol sehr eng mit den Gemeinden zusammen und könne jetzt schon in 50 Tiroler Orten Glasfaserkabelprodukte bereitstellen. Der digitale Tiroler Freilich ist zunächst nicht jeder Tiroler empfänglich für Digitalisierung gewesen und Maria Zesch bestätigt, dass man zu Beginn der Pandemie natürlich damit zu kämpfen hatte, dass die Leute zu Hause sehr unterschiedlich ausgestattet waren. „Auf der einen Seite hatten wir Kunden, bei denen Hardware und die notwendigen Programme vorhanden waren. Auf der anderen Seite hatten manche Unternehmen gar keine Voraussetzungen für Homeoffice.“ Aus diesem Grund habe man sehr schnell neue Produkte entwickelt, die auch für die Zukunft jedem einen schnellen Umstieg auf das Zuhausearbeiten ermöglichen sollen.

Der analytische Blick

Pro …
Lassen wir nun abschließend einen Wissenschaftler zu Wort kommen: Der Wirtschaftsinformatiker Ulrich Remus beschäftigt sich intensiv mit Videoconferencing und kennt die Vorteile dieser Art der Unternehmenskommunikation. Videokonferenzen seien die Voraussetzung, um effizient im Homeoffice arbeiten zu können, so der Experte von der Universität Innsbruck: „Zu den Vorteilen gehört sicher die unkomplizierte Abstimmung mit Kollegen.“ Die Umwelt freue sich, wenn von zu Hause aus gearbeitet wird und unnötige Kilometer eingespart werden, bringt Remus einen weiteren Pluspunkt aufs Tableau. Zusätzliche Videokonferenz-Tools, wie etwa Whiteboards, Screen-Sharing oder elektronische Abstimmungen, nennt der Fachmann außerdem als Vorteile.

… und Contra
Remus weiß aber auch um etwaige Nachteile im Zusammenhang mit Videokonferenzen: „Wir wissen zum Beispiel, dass gerade zur Teambildung das physische Miteinander enorm wichtig ist. Auch Gestik, Mimik und Körperhaltung lassen sich nur bedingt über Videokonferenzen abbilden.“ Darüber hinaus stellt der Wirtschaftsinformatiker fest, dass die Nachfrage nach sogenannter Monitoring Software – also nach Programmen zur Überprüfung der Mitarbeiter – im Zusammenhang mit der Digitalisierung stark zugenommen hat. Man müsse dringend aufpassen, dass man sich nicht in Richtung Überwachung bewege, „realisieren sich die positiven Effekte des Homeoffice doch nur durch ein vertrauensvolles Miteinander und nicht durch ein Zuviel an Kontrolle“.

Fazit
Ulrich Remus sieht die Entwicklung der letzten Monate, die seiner Ansicht nach ohne die Coronakrise bestimmt länger gedauert hätte, alles in allem als positiv an. Er ist daher fester Überzeugung, dass Videokonferenzen, auch wenn wir diese Krise endlich überstanden haben werden, nicht verschwinden, sondern verstärkt Anwendung finden werden. Gleichzeitig hofft er aber, „dass sich die Nutzung auf ein gesundes Maß an virtuellen und physischen Meetings einpendeln wird, sodass insgesamt ein vernünftiges und effizientes Arbeiten möglich ist“.

  • Mario-Mair

    Mario Mair Geschäftsführer Techem Wassertechnik Österreich @Techem

  • FranzMaircreditTirolerVersicherungHohlrieder2

    Mag. Franz Mair Vorstandsdirektor Tiroler Versicherung @Tiroler Versicherung/Hohlrieder

  • GertEttlmayrcreditHansaton2

    Mag. Gert Ettlmayr, MA Geschäftsführer Hansaton Österreich @Hansaton

  • FaktorInnsbruckcreditChristianVorhofer

    Mario Eckmaier, Axel Prey und Matthias Lechner Geschäftsführer Factor Innsbruck @Christian Vorhofer

  • MariaZeschcreditMagentaTelekom

    Maria Zesch CCO für Business & Digitalization Magenta Telekom @Magenta Telekom

  • UlrichRemuscreditUniversitatInnsbruck

    Univ.-Prof. Dr. Ulrich Remus Wirtschaftsinformatiker Universität Innsbruck @Universität Innsbruck