Die Wegbereiterinnen

28. Januar 2022
Theresa Kirchmair
AMS

Handwerk und Technik gelten als männlich dominiert. Das FiTProgramm des AMS hilft Frauen dabei, klassische Muster zu durchbrechen und neue Berufsbilder für sich zu entdecken.

Stellen wir uns vor, es gibt ein Problem mit dem Boiler unserer Wohnung. Die zuständige Firma verspricht, rasch Hilfe zu schicken. Öffnen wir einem Installateur oder einer Installateurin die Tür? In den meisten Fällen dürfte Ersteres passieren, da technische und handwerkliche Berufe – mit einigen wenigen Ausnahmen – nach wie vor stark männlich dominiert sind. Diese geschlechterspezifische Prägung von Arbeit macht sich auch in der Geldbörse bemerkbar: Im Jahr 2021 hatten Frauen in Tirol im Durchschnitt ein um 21,6 Prozent niedrigeres Einkommen als Männer. Dieses Ungleichgewicht entsteht nicht nur durch vermehrte Teilzeitarbeit. Ein gewichtiger Faktor ist auch die allgemein schlechtere Bezahlung von Berufen, die als traditionell weiblich gesehen werden. Das AMS hat sich des Problems angenommen und verfolgt unter anderem den Lösungsansatz, mehr Frauen für klassische Männerdomänen zu begeistern. Das dazugehörige Programm nennt sich FiT – Frauen in Handwerk und Technik. „FiT will traditionelle Rollenmuster durchbrechen und Einkommensunterschiede abbauen. So kann Gleichstellung am Arbeitsmarkt schrittweise erreicht werden“, erklärt Beatrix Hammer, Beauftragte für Arbeitsmarktpolitik für Frauen im AMS Tirol.

Barrieren senken

Der Mangel an Vorbildern und wenig Kontakte mit der Materie führen dazu, dass von vielen Frauen und Mädchen technische und handwerkliche Berufe zunächst gar nicht in Betracht gezogen werden. Sie gehen verstärkt in den Handel oder ergreifen Lehrberufe wie jenen der Friseurin. Dadurch geht unerkanntes Potenzial verloren, das in Sparten, die mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben, dringend gebraucht würde. FiT ermöglicht es den Teilnehmerinnen des Förderprogramms, genau dieses Potenzial in bislang ungewohnten Bereichen zu entdecken, so Hammer: „Uns ist wichtig, dass Frauen ausprobieren können, ob ein handwerklich-technischer Beruf das Richtige für sie ist.“ Auch jene, die ohne Vorwissen Teil des Programms werden, können dank des niederschwelligen Zugangs Neues ausprobieren und erlernen. Diese Phase, die in die Welt der Technik einführt und Orientierung im breiten Feld der gebotenen Berufe schafft, ist die Basisqualifizierung. In den maximal 18 Wochen können die Teilnehmerinnen diverse Praktika absolvieren, die ihnen einen realen Einblick in unterschiedliche Felder geben und die Auswahl zusätzlich erleichtern. Ist die Basisqualifikation abgeschlossen und das Interesse geweckt, können sich die Frauen für ein Ausbildungsangebot entscheiden.

Breites Betätigungsfeld

Die Liste der geförderten Ausbildungen wird jedes Jahr überarbeitet, aktuell sind es über 200.  Dadurch entsteht ein vielfältiges Angebot, es reicht von digitalen Schreibtischarbeiten wie der Applikationsentwicklerin oder Medienfachfrau über manuelle Arbeiten wie Steinmetzin oder Sattlerin bis hin zu ungewöhnlichen Arbeiten wie Skibautechnikerin. Die über 200 Berufe auf der Liste inkludieren nicht nur Lehrausbildungen, sondern auch Abschlüsse in Fachschulen, HTL, Kollegs und Fachhochschulen. Aber auch handwerklichtechnische Berufe, die nicht auf dieser Liste stehen, werden geprüft und können vom AMS gefördert werden. „Kriterien dafür sind: geringer Frauenanteil, handwerklich-technische Ausbildung, gute Verdienstmöglichkeiten und Jobchancen“, präzisiert Hammer. Die Teilnahme am FiT-Programm steht allen Frauen offen, die sich beim AMS als arbeitssuchend gemeldet haben, ungeachtet von Vorkenntnissen oder Qualifikation. Einen generalisierten Ablauf des Programms gibt es nicht, da er auf jede Teilnehmerin entsprechend ihrer Interessen individuell zugeschnitten wird. Laut Hammer kommen die Frauen querbeet aus diversen Berufssparten zu FiT, in Sachen Alter ist die Gruppe zwischen 25 und 45 Jahren am stärksten vertreten. Auch junge Frauen zwischen 15 und 19 Jahren können sich in einer speziell angepassten Berufsorientierung mit dem Namen „MuT“ (Mädchen in Handwerk und Technik) über handwerklich-technische Ausbildungen informieren und werden vom AMS unterstützt.

FiT in Tirol

FiT besteht als bundesweites Programm des AMS bereits seit einiger Zeit, so Hammer: „Seit 2006 werden im FiT-Programm Frauen in zukunftsfähigen handwerklich-technischen Berufen ausgebildet.“ Bislang waren es in Tirol 1.700 Frauen, die die Basisqualifizierung durchlaufen haben, etwa ein Drittel davon hat sich im Anschluss für eine Ausbildung entschieden. Mit Stand Dezember 2021 befanden sich 47 Frauen in der Orientierungsphase, während 75 bereits in Betrieben ihre Lehre oder anderweitige Ausbildung absolvierten. Hammer sieht klare Vorteile bei FiT: Die Berufe würden gut bezahlt und seien krisensicher, da sehr gefragt. Hinzu komme die Betreuung der Frauen während des Lernprozesses, so die Zuständige: „Sie werden im gesamten Prozess von professionellen Berater:innen begleitet und während ihres Ausbildungsweges unterstützt.“ Neben dieser Begleitung gibt es auch andere Leistungen des AMS: Beratung zuVereinbarkeit von Familie und Beruf, auch finanzielle Stützen wie Aus- und Weiterbildungsbeihilfen und  Kinderbetreuungsbeihilfe sind möglich. Das Projekt selbst wird von AMS Österreich und dem Land Tirol finanziert.

Aus der Praxis – Christina Steixner, Maschinenbautechnikerin und FiT-Teilnehmerin

Die heute 26-jährige Christina Steixner wagte einen radikalen Wandel ihres Arbeitsmaterials: von Haaren zu Metall. Die gelernte Friseurin fühlte sich in ihrem Beruf nicht mehr am richtigen Platz: „Mir ist die ganze Welt mit all dem Schönen ein bisschen zu oberflächlich geworden.“ Im Gespräch mit ihrem AMS-Berater wurde sie auf das FiT-Programm aufmerksam gemacht und startete 2019 mit der Basisqualifizierung. Zu deren Beginn wusste Steixner noch nicht, welche Branche zu ihr passen könnte. Sie absolvierte Praktika, unter anderem im Bereich Holzverarbeitung und Werbedesign, fasziniert hat sie aber der Werkstoff Metall. Nicht nur die Vielseitigkeit des Materials hatte etwas für sich, wie sie sich erinnert: „Das Ganze ist dann auch noch größtenteils recycelbar.“ 2020 startete sie ihre Lehre zur Maschinenbautechnikerin im Ausbildungszentrum Metall des BFI in Wattens.

Erste Schritte Zunächst musste Steixner Willen und Können zeigen, um voll akzeptiert zu werden. „Ich glaube, Vorurteile gibt es hauptsächlich wegen der Kraft, dass man das Ganze nicht körperlich leisten kann wie ein Mann“, erklärt sie. Dabei profitieren Werkstätten ihrer Meinung nach von Frauen im Team, da diese genau und gewissenhaft arbeiten und ihnen Feinarbeiten etwas leichter fallen als den Kollegen. Steixners Rat an andere Frauen, die eine technische Ausbildung erwägen: „Einfach probieren. Nicht einschüchtern lassen.“ Neue Perspektive
Steixner zu ihren Erfahrungen mit FiT: „Ich wäre für mich selber nie in diese Richtung gegangen.“
Ursprünglich war sie laut eigener Aussage selbst der Meinung, dass Frauen in klassisch weiblichen Berufen gut aufgehoben wären. Heute sieht sie das anders: „Wir sollten da offener sein und jeden seinen Weg gehen lassen.“ Nach der Ausbildung im ABZ Wattens startete Christina Steixner im September 2021 bei der Firma Helu in Münster.

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    Beatrix Hammer, Beauftragte für Arbeitsmarktpolitik für Frauen im AMS Tirol

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    Christina Steixner, Maschinen- bautechnikerin und FiT-Teilnehmerin

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    Die Basisqualifizierung ermöglicht Neulingen erste Erfahrungen im Handwerk, hier beispielsweise beim Bau einer Holzlampe.

Die Wegbereiterinnen
In diversen Workshops können Frauen ihr technisches Geschick entdecken.

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